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Was macht uns wirklich glücklich?

Stories | 03. Juli 2018

Glückssuche im Kopf

Der Lieblingssong im Radio, ein gutes Gespräch mit Freunden oder der ganz große Lottogewinn – vieles kann uns glücklich machen. Doch was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir Glück empfinden. Ist alles nur eine Sache der Hormone oder verbirgt sich mehr dahinter? Und kann zu viel Denken sogar unglücklich machen? Antworten auf diese und weitere Fragen hat Hirnforscher Christof Kessler parat. Ein Gespräch über das Glück.

Herr Prof. Kessler, wie definieren Sie als Neurologe Glück?

In unserem Gehirn gibt es ein spezielles Zentrum, das in Glücksmomenten aktiviert wird. Das Entgegennehmen eines Zeugnisses, die Geburt des Kindes oder der erste Kuss – in Momenten wie diesen passiert hier etwas ganz Besonderes. Das Gehirn wird dann mit Dopamin, dem entscheidenden Glückshormon, überflutet. Auch kleine, weniger elementare Anlässe können dieses Glückssystem in Wallung bringen. Sie stehen an einer langen Schlange im Supermarkt, plötzlich wird eine neue Kasse geöffnet, und Sie sind der Erste in der Reihe. Auch das macht Sie glücklich.

Kleine und große Glücksmomente lösen im Hirn also ähnliche Gefühle aus. Doch welche sind das genau?

Aus der Sicht der Hirnforschung hängen Glücksgefühle eng mit Motivation und Belohnung zusammen. Die auf Glück spezialisierten Zentren werden auch als „Belohnungs- und Motivationssystem“ bezeichnet. Sie signalisieren „Gut gemacht!“ und durch die Ausschüttung des Glücksstoffes Dopamin empfinden wir das momentane Gefühl von Glück und Zufriedenheit. Was besonders wichtig ist: Wir werden gleichzeitig motiviert zu neuen Anstrengungen, um diesen Moment des Glücks zu wiederholen und um erneut zu erleben, wie das Gehirn mit den Glücks-Botenstoffen geflutet wird. Das Glücksgefühl ist somit immer mit einem Schub an Motivation verbunden. Die positive Erfahrung dieses Momentes spornt zu neuen Anstrengungen und Leistungen an.

Vom Botenstoff Dopamin haben viele sicher schon einmal gehört. Gibt es noch weitere Glückshormone im Hirn?

Jeder Mensch hat in seinem Kopf die kaum vorstellbare Anzahl von mehr als 100 Milliarden Nervenzellen, die durch spezielle Botenstoffe miteinander kommunizieren. Dopamin, Serotonin und Oxytocin sind die Stoffe, die im Gehirn für Glück und Zufriedenheit zuständig sind. Dopamin wird in dem Moment des größten Glückserlebens ausgeschüttet, wenn im Gehirn eine Glückslawine losgetreten wird. Bei Erfolgserlebnissen etwa, aber auch im Moment des Orgasmus und der sexuellen Erregung. Serotonin sorgt hingegen für seelische Balance – es ist unser Wohlfühlhormon. Oxytocin wird als das Bindungs- oder Kuschelhormon bezeichnet. Der Stoff wird zum Beispiel wirksam, wenn die Mutter ihr Kind zum ersten Mal im Arm hat.

Sie werden mit der These zitiert „Denken macht unglücklich“. Wie begründen Sie diese Aussage?

Wenn man sich entspannt, schaltet unser Gehirn von einem Aktivitäts- in einen Ruhemodus um. Aber selbst in diesem Ruhezustand bleibt es hoch aktiv. Es beginnt zu rattern und zu rattern. Es reflektiert unentwegt das in der Vergangenheit Geschehene und plant Zukünftiges. Diese Ruheaktivität kann sich auch in krankhaftes Grübeln steigern. In einer wissenschaftlichen Untersuchung heißt es daher: „The wondering mind is an unhappy mind“, was so viel bedeutet wie „Der schweifende Geist ist ein unglücklicher Geist.“

Ist Glück denn auch eine Frage des Alters oder der eigenen Lebenserfahrung?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass ältere Menschen zufriedener und glücklicher sind als Menschen mittleren Alters. Die Erklärung ist wahrscheinlich die Definition des Begriffs Glück: Bei älteren Menschen kommt es nicht mehr zu so heftigen Ausschüttungen der Glückshormone Dopamin, Serotonin und Oxytocin. Dadurch gestaltet sich ihr Leben ruhiger und auch zufriedener. Schöne Erfahrungen und eine friedliche Umgebung können im höheren Alter den „Kick“ des akuten Glücksempfindens ersetzen.

Gibt es aus Sicht der Hirnforschung so etwas wie eine „Glücksformel“? Oder anders gefragt: Wie können wir unser Glück selbst in die Hand nehmen?

Ein wichtiger Aspekt des Glücks ist eine (meist) gesunde Ernährung. Happy Food wie Bananen, Ananas oder aber auch mal Schokolade liefert elementare Stoffe, damit Glückshormone gebildet werden können. Sport ist ebenfalls ganz wichtig, denn regelmäßiger Sport stimuliert die Produktion der Glückshormone. Darüber hinaus macht die körperliche Nähe zu anderen Menschen glücklich. Die Umarmung eines geliebten Menschen fördert die Ausschüttung des Überträgerstoffes Oxytocin. Das hilft uns, glücklich und zufrieden zu sein.

Zum Schluss: Was macht Sie persönlich glücklich?

Mich persönlich macht ein gelungenes Interview mit intelligent gestellten Fragen glücklich, ich treibe regelmäßig Sport und merke danach, wie sich mein Gehirn auf Glück und Zufriedenheit umgestellt hat. Auch macht mich das Zusammensein mit meinen Freunden und der Familie glücklich.

Hirnforscher Prof. Kessler im Interview

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